H2O- und D2O-Eis unterscheiden sich erheblich in ihrem Quantenverhalten
Die Quanteneigenschaften von normalem und schwerem Eis zeigen überraschende Unterschiede.
Wissenschaftliche Erklärung
Im Eis befinden sich die Wasserstoffatome in Doppelmuldenpotentialen zwischen benachbarten Sauerstoffatomen. Sie können zwischen zwei Gleichgewichtspositionen wechseln, was die Protonenordnung im Eisgitter bestimmt. Die Quanteneigenschaften dieses Systems unterscheiden sich grundlegend zwischen H2O-Eis und D2O-Eis.
Das leichte Wasserstoffatom (Proton) hat aufgrund seiner geringen Masse eine grosse Nullpunktenergie — es ist quantenmechanisch stark delokalisiert und kann effizient durch die Energiebarriere zwischen den beiden Positionen tunneln. Die Tunnelaufspaltung, ein Mass für die Tunnelwahrscheinlichkeit, ist für Protonen deutlich grösser als für Deuteronen.
Die Konsequenzen sind vielfältig: H2O-Eis hat eine grössere Gitterkonstante als D2O-Eis (obwohl das Proton leichter ist), weil die grössere Nullpunktbewegung das Gitter effektiv aufweitet. Die Wärmekapazität bei tiefen Temperaturen unterscheidet sich, da die Anregungsspektren verschieden sind. Auch die Restentropie — die Frage, ob das Eis bei tiefsten Temperaturen vollständig protonengeordnet wird — wird durch Tunnelprozesse beeinflusst.
Alltagsrelevanz
Diese Quantenunterschiede mögen esoterisch erscheinen, haben aber praktische Konsequenzen. In der Neutronenstreuung werden D2O-Eiskristalle bevorzugt, weil Deuterium Neutronen weniger stark streut als Wasserstoff — aber die veränderte Kristallstruktur muss berücksichtigt werden. In der Kryobiologie, wo Zellen bei extrem tiefen Temperaturen eingefroren werden, beeinflusst die Protonenordnung die mechanischen Eigenschaften des Eises und damit die Überlebenschancen der Zellen. Und in der Grundlagenphysik liefert der Vergleich von H2O- und D2O-Eis einen direkten Zugang zum Studium von Quanteneffekten in kondensierten Systemen.