Einsteiger #1

Wasser hat einen ungewöhnlich hohen Schmelzpunkt

Der Schmelzpunkt von Wasser liegt bei 0 Grad Celsius -- viel höher als bei vergleichbaren Molekülen erwartet.

Wissenschaftliche Erklärung

Eis schmilzt bei 0 Grad Celsius — das klingt völlig normal, weil wir es so gewohnt sind. Doch verglichen mit ähnlich aufgebauten Molekülen ist dieser Schmelzpunkt aussergewöhnlich hoch. Die nächsten Verwandten von Wasser in der Gruppe 16 des Periodensystems — Schwefelwasserstoff (H2S), Selenwasserstoff (H2Se) und Tellurwasserstoff (H2Te) — schmelzen alle weit unter minus 40 Grad Celsius.

Der Grund für diesen Unterschied liegt in den Wasserstoffbrückenbindungen. Jedes Wassermolekül kann bis zu vier solcher Brücken zu seinen Nachbarn ausbilden: zwei über die Wasserstoffatome und zwei über die freien Elektronenpaare am Sauerstoff. Dieses dreidimensionale Netzwerk hält die Moleküle viel stärker zusammen als die schwachen Van-der-Waals-Kräfte, die bei H2S und den schwereren Hydriden dominieren.

Um Eis zu schmelzen, muss man dieses Brückennetzwerk teilweise aufbrechen — und dafür braucht man deutlich mehr Energie. Deshalb liegt der Schmelzpunkt von Wasser so hoch, dass er in unseren alltäglichen Temperaturbereich fällt, anstatt irgendwo bei minus 90 Grad Celsius zu liegen, wie man es aufgrund des Molekulargewichts erwarten würde.

Melting Point Comparison of Group 16 Hydrides Bar chart comparing the melting points of water (H2O, 0 degrees C) with hydrogen sulfide (H2S, -85 degrees C), hydrogen selenide (H2Se, -66 degrees C), and hydrogen telluride (H2Te, -49 degrees C). Water's melting point is anomalously high. 0 °C -100 °C -50 °C Temperature 0 °C H₂O -85 °C H₂S -66 °C H₂Se -49 °C H₂Te Group 16 Hydrides — Melting Points
Schmelzpunkte der Gruppe-16-Hydride im Vergleich. Wasser liegt weit über dem erwarteten Trend.

Schritt für Schritt

-100°C-80°C-60°C-40°C-20°C0°CMelting PointMolecular Weight →H₂O0°CH₂S-85.7°CH₂Se-65.7°CH₂Te-49°C≈−100°CH-bondsExtra energy neededto break bond network

Gruppe-16-Hydride

Wir betrachten die vier Hydride der Gruppe 16: Wasser (H2O), Schwefelwasserstoff (H2S), Selenwasserstoff (H2Se) und Tellurwasserstoff (H2Te). Sie sind chemisch verwandt, unterscheiden sich aber stark im Molekulargewicht.

Der erwartete Trend

Bei normalen Molekülen gilt: je schwerer, desto höher der Schmelzpunkt. Von H2Te über H2Se zu H2S sinkt der Schmelzpunkt gleichmässig. Dieser Trend sollte sich für H2O fortsetzen.

Wassers tatsächliche Position

Nach dem Trend müsste H2O bei etwa minus 100 Grad Celsius schmelzen. Tatsächlich liegt der Schmelzpunkt bei 0 Grad Celsius -- rund 100 Grad höher als erwartet. Ein gewaltiger Sprung.

Wasserstoffbrücken

Der Grund: Wassermoleküle bilden ein starkes Netzwerk aus Wasserstoffbrückenbindungen. Um dieses Netzwerk aufzubrechen, braucht man viel mehr Energie als bei den schwereren Hydriden, die nur schwache Van-der-Waals-Kräfte haben.

Alltagsrelevanz

Dieser hohe Schmelzpunkt hat tiefgreifende Folgen für unser tägliches Leben und die gesamte Erde. Wäre Wasser ein “normales” Molekül, läge sein Schmelzpunkt bei etwa minus 90 Grad Celsius — weit unter den Temperaturen, die auf der Erdoberfläche herrschen. Es gäbe kein Eis, keine Gletscher, keinen Schnee. Flüsse und Seen würden niemals zufrieren.

Gerade weil der Schmelzpunkt bei 0 Grad Celsius liegt, erleben wir den ständigen Wechsel zwischen Eis und flüssigem Wasser: Schneefall im Winter, Eiswürfel im Getränk, Frost auf der Windschutzscheibe. Dieser Phasenübergang bei einer für uns erreichbaren Temperatur macht Wasser zum einzigen Stoff, den wir im Alltag regelmässig in allen drei Aggregatzuständen antreffen.

Interaktive Simulation

-120-100-80-60-40-200200°C-90°C0°CH2OH2SH2SeH2Te°CErwartetTatsächlich
1 H2O